Gedenken an die Novemberprogrome

Veröffentlicht von BGRE am

Am vergangenen Samstag versammelten sich etwa 80 Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt an der Stele auf dem Alten Friedhof, um der jüdischen Opfer der Progrome von 1938 zu gedenken.
Neben anderen sprach Petra Enders, Landrätin des Ilm-Kreises, und fand eindrückliche Worte, auch im Blick auf die heutige Zeit. Sie hat uns gestattet, ihre Rede hier im vollen Wortlaut wiederzugeben:

Rede zum Gedenken an die Opfer des NS-Regimes, Reichsprogromnacht, 9. November 2019

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir haben uns heute, am 9. November an einem Ort versammelt, der vor 81 Jahren wie Tausende weitere Orte im gesamten damaligen Deutschen Reich, Ausgangspunkt für das größte von deutschen Faschisten begangene Menschheitsverbrechen war- die als Holocaust in die Geschichte eingegangene Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden.
Wir haben uns heute hier getroffen, um den Opfern zu gedenken, an diese Ereignisse zu erinnern und zu mahnen.
Wir tun das zwei Wochen nach einer Landtagswahl, die einer Partei, die mit Fug und Recht als demokratiefeindlich bezeichnet werden darf und an deren Spitze ein Faschist steht, der unsere Erinnerungskultur als Denkmal der Schande bezeichnet und eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad fordert. Dass für diesen Rechtsextremisten allein im Ilm-Kreis mit fast 30 % der Wählerinnen und Wähler gestimmt haben, ist ein erschreckendes Signal. Und es ist auch erschreckend, dass eine ernsthafte Diskussion in der Öffentlichkeit geführt wird, und sei es durch einzelne CDU-Abgeordnete, ergebnisoffene Gespräche mit dieser Partei zur Regierungsbildung in Thüringen zu führen und damit weiter salonfähig zu machen.

Lassen sie mich an dieser Stelle die Worte des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland (Schuster) zitieren. Er erinnerte erst vor wenigen Tagen daran, dass sich schon einmal in der deutschen Geschichte, (in der Weimarer Republik), „bürgerliche Politiker als Steigbügelhalter für eine Partei von rechts außen betätigt“ haben und damit „furchtbar geirrt“ hätten. Und er verweist darauf: „das sollte bis heute eine ausreichende Warnung für alle Demokraten sein“, so seine Worte.
Dem schließe ich mich an und sage, vielmehr muss es uns, ohne Wenn und Aber gelingen, gemeinsam mit allen demokratischen Kräften in diesem Land dem braunen Zeitgeist entgegentreten und die demokratischen Errungenschaften verteidigen. Deshalb ist die Erinnerungs- und Gedenkarbeit auch in einer gefestigten bundes-deutschen Demokratie notwendig. Solange Minderheiten für politische Kämpfe in-strumentalisiert werden, haben Gedenkveranstaltungen, wie die heutige ihre Not-wendigkeit. Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen, wir Nach-geborenen tragen auch keine Schuld, aber wir haben die Aufgabe und Verantwor-tung, dafür zu sorgen, dass sich Geschichte nicht in einer anderen Weise unheil-voll wiederholt.

Der 09. November 1938 – zunächst ein gewöhnlicher Novembermorgen – brachte erst am Abend das volle Potenzial seiner Brutalität zum Vorschein. Viele unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger hofften auf ein schnelles Ende des nationalsozialistischen Schreckens.
Die Ereignisse des 09. November, die Zerstörung von mehr als 1400 Synagogen und zahlreiche jüdische Geschäfte in Deutschland durch die SS und die SA steht als der Beginn der systematischen Verfolgung der Jüdinnen und Juden durch Adolf Hitlers faschistisches Terror- Regime.
Die Hoffnungen, dass die Nazi-Herrschaft nur ein kurzzeitiges Problem sei, waren ab nun zerschlagen und der Irrsinn der Nationalsozialisten steuerte auf seinen Höhe-punkt zu, den Holocaust, die systematische und menschenverachtende Ermordung von über sechs Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürgern jüdischen Glaubens in und aus ganz Europa.
Wir wollen heute der Menschen gedenken, die Opfer des NS-Regimes wurden. Meine Damen und Herren, Jahr für Jahr blickt die interessierte Öffentlichkeit auf diesen Tag von ganz besonderer Bedeutung für die deutsche Geschichte.
Häufig ist dann vom „Schicksalstag der Deutschen“ die Rede. Und in der Tat, viele zentrale Ereignisse der deutschen Geschichte sind untrennbar mit dem 9. November verbunden. Aber kann man deshalb vom 9. November als von einem „Schicksalstag“ sprechen? Impliziert das Wort „Schicksalstag“ nicht, dass dieser Tag dem rationalen Handeln von Menschen – und somit auch ihrer Verantwortung – entzogen ist? Kann es überhaupt sein, dass eine gleichsam höhere Instanz – wie eben das „Schicksal“ – die Fäden unserer Geschichte knüpft? Zum Guten wie zum Schlechten?
Ich sage: Nein! Dieses Verbrechen ist eben nicht von einer höheren Macht unabwendbar über die Opfer verhängt worden. Es war menschengemacht mit eiskalter Berechnung, systematisch vollzogen.
Am 9. November 1938 wurde vor aller Augen offenbar, was sich in den Jahren zuvor aufbauen konnte. Das jüdische Volk sollte vernichtet werden. Demütigungen, Brände, Morde in einem unfassbaren Ausmaß konnten niemandem verborgen bleiben. Der Satz: „Wir konnten das ja nicht wissen!“ gilt seit dem 9. November 1938 nicht mehr.
Oft wird übermittelt, dass die Bevölkerung gar nicht gemerkt habe, was mit den Juden geschah. Nicht gemerkt? Konnten die alle nicht lesen, was an den Schildern, die überall hingen, geschrieben stand? Konnten sie nicht hören, was im Radio und auf der Straße gesagt wurde! Und das, was später die Soldaten auf Heimaturlaub erzählten, von dem, was sie an der Ostfront gesehen hatten, hat das auch niemand vernommen? Und hatten sie keine Augen im Kopf? Über 50.000 Menschen verschwanden allein in der damaligen Reichshauptstadt. Das wollen Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen nicht bemerkt haben?
Fiel denn dem Nachbarn nicht auf, dass die Familie, mit der man seit Jahren, Jahrzehnten mitunter, Tür an Tür gewohnt hatte, mit der man vielleicht befreundet war oder zumindest gutnachbarlichen Umgang pflegte, auf einmal nicht mehr da war?
Und sahen sie nicht, dass manchmal tausend und mehr Menschen mit gelben Sternen an ihren Mänteln, mit Gepäck beladen, durch die Straßen getrieben wurden? Hat sich nie jemand gefragt, wohin diese Reisen eigentlich gehen würden?

Die Pogromnacht von 1938 hat so viel zunichtegemacht. Innerhalb weniger Stunden ist in drastischer Weise sichtbar geworden, was Hass, Fanatismus, Rassenwahn an Schrecklichem anrichten können. Diese Nacht hat wie in einem Brennspiegel alles das gebündelt und verdichtet, was zuvor noch unterschwellig und latent gewesen ist. Viele hatten vorher vielleicht noch geglaubt, die schrecklichen antisemitischen Parolen der Nationalsozialisten seien vor allem Propaganda und politisches Getöse. Sie hatten sich geirrt. Es blieb nicht bei bloßen Worten, das NS-Regime machte blutige Wirklichkeit daraus. Es ging darum, eine Welt zu schaffen, in der die „Anderen“ keinen Platz mehr haben sollten: die Juden, die Sinti und Roma, aber auch die Kranken und Behinderten, die Andersdenkenden und Andersfühlenden – sie alle sollten aus dieser Welt verschwinden.
Dass die Nationalsozialisten die Verbrechen dieser Nacht als „spontanen Volkszorn“ darstellten, sollte zur Legitimation ihrer Untaten dienen. Aber auch wenn es überwiegend die Formationen der NSDAP gewesen sind, die in Deutschland die Synagogen zerstörten, müssen wir kritisch sagen und bekennen: Die Bevölkerung hat zum großen Teil geschwiegen, hat weggesehen, hat vielfach beigepflichtet, wenn die Schlägertrupps ans Werk gingen.
Die Gräuel des NS-Regimes haben eben nicht nur irgendwo unbeobachtet in der Ferne stattgefunden, sondern – auch hier in Arnstadt – vor den Augen der Menschen. Der Brand der Synagoge, der von SA Angehörigen gelegt wurde, war ein Geschehen mitten in der Öffentlichkeit. Was damals geschah, vollzog sich für jeden sichtbar. Mutig genug, die Ungerechtigkeiten und das Unrecht anzuprangern oder gar zu bekämpfen, waren aber die wenigsten.
Als Reaktion auf diese Ereignisse erhob sich kein Sturm der Entrüstung und kein wahrnehmbarer Protest. Das Regime stieß auf keinen nennenswerten Widerstand, als es darum ging, die jüdische Bevölkerung zu entrechten, zu vertreiben und schließlich zu verschleppen. Tatenlos, teilnahmslos, wortlos standen viele dem Geschehen gegenüber. Sie haben weggeschaut und geschwiegen. Das Vernichtungswerk konnte seinen Fortgang nehmen.
Der Holocaust-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel schrieb in diesem Zusammenhang: „Ein Schlüsselwort meiner Weltanschauung ist der Kampf gegen die Gleichgültigkeit. Ich habe immer daran geglaubt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, es ist Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit ist nicht der Anfang eines Prozesses, es ist das Ende eines Prozesses.“

Auch heute müssen wir uns immer bewusstmachen: Damit Rassismus funktioniert, reicht oft schon das bloße Nichtstun aus. Deshalb dürfen wir, um an Elie Wiesel anzuknüpfen, niemals gleichgültig sein!
Demokratie ist kein rein mechanisches Prinzip, sie ist eine Idee. Eine Überzeugung, dass jeder Mensch und jede Stimme gleichberechtigt und gleichwertig sind. Ich bin davon überzeugt, dass es in Zeiten der erstarkenden Rechten mehr als bisher wichtig ist, die eigene Stimme zu erheben. Nationalismus und Rassismus führt zu Ausgrenzung, zu Gewalt und damals hat es bis zum Tod von Millionen geführt.
Niemals darf das vergessen werden!
Wer heute die Höcke-Partei wählt, die Menschen offen aus diesem Land ausstößt und entrechtet, wählt die Demokratie demokratisch ab. Das darf niemals normal werden, nichts daran ist bürgerlich. Und ich stelle auch fest, wir verhalten uns viel zu oft viel zu still, gleichgültig eben.

Sehr geehrte Damen und Herren,
gemeinsam wollen wir nun an dieser Stelle der Ereignisse vor 81 Jahren gedenken und uns dabei auch unserer heutigen Verantwortung für Toleranz, Versöhnung und Frieden bewusst sein.
Es gilt, eine Kultur des Erinnerns in der Gesellschaft zu verankern, damit solche Verbrechen sich niemals wiederholen können. Denn nur wer um die Gefahren weiß, spielt nicht leichtfertig mit dem Feuer.

Nein ich bin nicht dafür verantwortlich, was meine Vorfahren angerichtet haben.
Aber ich bin verdammt noch mal dafür verantwortlich, dass es nie wieder geschieht!

Kategorien: Allgemein

6 Kommentare

stadtecho · 29. November 2019 um 08:55

Im Unterschied zu damals stößt das linke Regime allerdings auf Widerstand, nämlich seitens der wahren Demokraten in diesem Land, nämlich der AfD, die nämlich das Direktwahl von hohen Positionen wie dem Bundespräsidenten und dezessive Volksentscheide fordern!
Und Herr Höcke ist Geschichtslehrer und der kann wohl kaum wollen, dass wir wieder ins Jahr 1933 zurückwollen.
Außerdem dieser Mann kennt die Probleme im Zuge von Immigration als Geschichtslehrer und will daher das nicht wieder zulassen!

    Der große Graue · 8. Dezember 2019 um 19:23

    Herr Hoecke ist ein Faschist und ja ich glaube das dieser Nazi sich in seinen feuchten Träumen nichts sehnlicher als eine Rückkehr zu den Zeiten von 1933 wünscht.

      felix · 10. Dezember 2019 um 01:16

      Der Graue Starr ist wieder da. Sie wissen schon, dass Sie eine Verleumdung mit der Behauptung, dass Herr Höcke ein Faschist sei begehen, da nicht erweislich ist, diese Eigenschaft zu besitzen. Damit machen Sie sich zum Verbrecher, aber den AfD immer Volksverhetzung unterstellen. Erstmal an sich selbst arbeiten, bevor man Falschaussagen über andere verbreitet. Sie sind vermutlich wie viele menschen auf dem linken Auge blind!

        M. Schmeling · 10. Dezember 2019 um 10:13

        Bleiben Sie mal schön auf dem Teppich, Herr Felix. Gott sei Dank gibt es in unserem Land noch immer Gerichte, die bestätigen, dass wir hier uneingeschränkte Meinungsfreiheit haben, nicht Narrenfreiheit – aber Meinungsfreiheit! Und ein ebensolches Gericht, das Meininger Verwaltungsgericht, hat am 26.9.2019 bestätigt, dass man Herrn Höcke sehr wohl einen Faschisten nennen darf. Dieses Werturteil ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern beruht auf einer überprüfbaren Tatsachengrundlage, wie das Gericht festgestellt hat.
        Nachzulesen im folgenden Beschluss: Link zum VGME

          Der große Graue · 10. Dezember 2019 um 19:21

          Vielen Dank Herr Schmeling für den Hinweis! Dem Umstand geschuldet das dieses Thema breit durch die Presse ging hätte ich erwartet das es selbst in der braunen Blase angekommen wäre und man sich nicht mehr herausreden kann. Nun gut offensichtlich hätte ich mich da wohl geirrt!

    M. Schmeling · 10. Dezember 2019 um 11:22

    Ich halte nicht viel vom Anzeigenblatt “Stadtecho”, aber solch einen Unfug bekommt man selbst dort nicht oft zu lesen.

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